Grenzenloser Biergenuss

Für Bierliebhaber ist das Dreiländereck Österreich-Deutschland-Tschechien wohl ein sehr spannender Boden. Liegen doch diese drei Länder im Pro-Kopf-Biergenuss an der europäischen Spitze. Auch wenn zum Beispiel die österreichische Statistik diese Zahlen nur für das gesamte Land, und nicht nach einzelnen Regionen ausweist, so spricht es Bände, dass hier an der deutsch-tschechischen Grenze die Brauereidichte so hoch ist wie nirgendwo sonst.

Vor zehn Jahren hatte zum Beispiel jede größere Stadt im Innviertel noch zwei Brauereien, durch die Schließung der Kapsreiter Brauerei in Schärding und der Rieder Kellerbrauerei ist dieses Attribut leider hinfällig. Eine Entwicklung, die auch auf der anderen Seite der Grenze zu bemerken war. Auch in Passau und Umgebung forderte die Konzentration der mittelständischen Brauereien einige Opfer. Trotzdem lebt die Biertradition beidseits der nordöstlichen Grenze Österreichs so stark wie selten zuvor auf.

Kleine Brauer, Große Biere

Jedes Jahr um den 23. April, der in Deutschland als Tag des Erlasses des Reinheitsgebotes auch der Tag des deutschen Bieres genannt wird, versammeln sich deutsche und österreichische Brauer, um ein grenzüberschreitendes Bierfest zu feiern. Kleine Brauer, die in der Gegend um die Salzach oder den Inn beheimatet sind, schenken an wechselnden Orten ihre handwerklichen Biere aus. Dieses eintägige Bierfest, das bereits im Salzburger Gusswerk, bei Schnaitl in Gundertshausen und in diesem Jahr beim Müllerbräu im bayrischen Neuötting stattgefunden hat, bietet den Bierliebhabern einen guten Überblick über die familiär geführte Brauszene auf beiden Seiten der Grenze. Familiär ist wohl der richtige Ausdruck. „Unter uns Brauern herrscht ein so tolles Miteinander, wir verstehen uns so gut, dass die Gäste bei diesen Festen fast stören“, sagt Matthias Schnaitl mit einem Augenzwinkern. Seit der Gründung des Festes vor elf Jahren ist er dabei.

Matthias Schnaitl (rechts unten) mit den versammelten Brauern vor dem Fest in Neuötting 2018

Für viele der Brauer beidseits der Grenze zählt das Motto der Gemeinsamkeit. Es ist gutes Instrument um gemeinsam für eine noch bessere Bier- und auch Wirtshauskultur zu kämpfen. So haben sich auch zahlreiche oberösterreichische Brauer zur Interessensgemeinschaft Innviertelbier zusammengeschlossen. Biere der Gemeinschaft kann man zum Beispiel in der Innviertelbier-Probierbox ordern. Darin sind nicht nur Spezialitäten von Schnaitl, Uttendorfer, Stift Engelszell, Wurmhöringer, Rieder und Aspacher enthalten, es gibt auch das gemeinsam eingebraute Aper. Das Aper ist ein Innviertler Märzen, das jährlich für den Eventzeitraum des Biermärz gebraut wird.

Bayrische Gäste bei der Eröffnung des Innviertler Biermärz

Innviertler Biermärz

Wenngleich die Brauer und die Wirte der Region über das ganze Jahr die Bierkultur hochhalten, so konzentriert sich der Verein vor allem auf den März. Über 70 Veranstaltungen gab es diesen März dazu und auch zahlreiche Gäste aus Bayern kamen dafür ins Innviertel. Schon zur Eröffnung des Innvierler Biermärz kam Bad Füssings Kurdirektor Rudi Weinberger nach Ried und kündigte eine noch stärkere Zusammenarbeit der Regionen an. Symbolisch brachte er neben der Passauer Bierkönigin auch ein Fass der dortigen Löwenbräu mit: „Wir helfen gerne aus, falls es im Innviertel einmal zu einem Bierengpass kommt!“.

Obwohl hier südlich des Inns zahlreiche Veranstaltungen wie Braukurse (in der Rieder Brauerei wird ein eigener Braukurs für Damen angeboten), Sommelierausbildungen und neue bierige Ausflugsziele die Bierkultur allgemein fördern, wird es nicht zu einem Versorgungsengpass kommen. Viel zu engagiert sind die zehn regionalen Brauer im Verein. Apropos Sommelierausbildungen: Die Projektverantwortliche von Innviertelbier, Andrea Eckersdorfer – seit kurzem selbst Biersommeliere – freut sich besonders, dass in Zukunft noch mehr Menschen hier ausgebildet werden: „Seit ich weiß, wo die Rohstoffe herkommen und welcher Aufwand in einem guten Bier steckt, schätze ich es noch viel mehr. Durch die Ausbildung wird man sensibilisiert und kauft und konsumiert viel bewusster.“

Nicht ganz zu übersehen ist aber der rege Biergrenzverkehr. Die günstigere Biersteuer auf der deutschen Seite verleitet viele Österreicher dazu, über die Grenze zu fahren. Das weiß auch Martin Seidl, der sowohl in seiner Dietrachinger Brauerei bei Braunau als auch im Tölzer Mühlenfeldbräu in Bayern als Brauer tätig ist: „Für die Brauereien beiderseits des Inns haben sich große Möglichkeiten ergeben seit, wir bei der EU sind! Ein Beispiel sind die Getränkemärkte in Simbach, wo das meistverkaufte Bier aus der Brauerei Wurmhöringer aus Altheim kommt, aber auch Raschhofer, Uttendorfer, Rieder, Schnaitl & Co machen gute Umsätze im angrenzenden Bayern.

Bier als Tourismusmagnet

2013 war die oberösterreichische Landesausstellung in Freistadt und Bad Leonfelden zu Gast. Mit Krumau und Hohenfurth waren zwei tschechische Gemeinden mit an Bord. In Freistadt setzte man viel auf die Bierkultur, die Brauerei wurde außerhalb der Stadtmauern runderneuert und hat als Publikumsmagnet auch weit über die Landesaussellung hinaus Ruhm erlangt.

In diesem Zeitraum wurde auch die Idee der Bierweltregion geboren, die den Biergenuss im Dreiländereck zwischen Mühlviertel, Südböhmen und Niederbayern umfassen sollte. Als wir vor drei Jahren an einer Pressereise in diesen Regionen teilnehmen durften, waren vor allem die Brauer und Betriebe in Deutschland und Österreich von Interesse. „Die Tschechen waren damals noch nicht soweit“, so Ewald Pöschko, Geschäftsführer der Freistädter Brauerei. Mittlerweile beschränkt sich das touristische Angebot der Bierweltregion ausschließlich auf das Mühlviertel, dort allerdings wird einiges geboten. 43 Betriebe haben sich dem flüssigen Gold mit ganzem Herzen verschrieben und laden zu genussvollen Momenten ein. Das Bier gehört einfach zum Mühlviertel – wie seine Hügel und der Granit. Auf vorgeschlagenen Bier- oder Wanderrouten kann man die Biervielfalt der Bierweltregion mit allen Sinnen erleben.

Bierfreunde auf Reisen

„Die 8 glorreichen Sieben“ nennt sich ein Kreis von Bierenthusiasten, die einmal im Jahr eine gemeinsame internationale Reise zu bierigen Destinationen unternimmt. Wobei der Begriff Enthusiasten wohl untertrieben ist, handelt es sich doch bei allen acht Personen um wichtige Protagonisten der Bierszene in dieser grenzüberschreitenden Region. Bernhard Sitter, erster deutscher Biersommelier und Hotelier aus dem Bayerischen Wald hat diese Trips nach einer gemeinsamen Ausbildung 2004 initiiert. Zu den acht Glorreichen zählen auch Peter Krammer von der Brauerei Hofstetten, Hans-Peter Drexler von Schneider Weisse, Markus Lohner von der BrauKon/Camba Bavaria und unser Biersommelier-Weltmeister Karl Schiffer. „Wir waren schon in vielen Ländern: Dänemark, USA, Belgien und in diesem Jahr auf Tour durch Berlin. Für 2019 haben wir Holland geplant“, sagt Schiffner, der in der Bierweltregion selbst das gleichnamige Biergasthaus führt. Aus den Reisen mit den Freunden haben sich auch gemeinsame Brauprojekte wie die rebellische Erdbeer-Weisse ergeben.

In Berlin besuchen die „8 glorreichen Sieben“ Stone Brewing: Greg Koch, Karl Schiffner, Peter Krammer, Bernhard Sitter.

Bier.Kult!Tour im Mühl- und Waldviertel

Sonja Thaurböck zählt auch zu den Aushängeschildern für bierorientierten Tourismus. Obwohl sie erst im Jahr 2009 auf die Vorzüge von Bier gestoßen ist, hat sie heute sehr viel über ihr Lieblingsgetränk zu erzählen. Sie macht das in buchbaren Gruppenführungen durch Orte wie Freistadt oder Weitra. In ihrer Heimat Freistadt hatte alles ihren Ursprung, bietet die Braucommune innerhalb und außerhalb der historichen Stadtmauern doch viel Geschichtsträchtiges. Ihre wichtigsten Partner für die Führungen durch die Braucommune waren die Wirtsleute des Foxi’s. Im von Conrad Seidl schon zum besten Bierlokal erhobenen Betrieb, testet Sonja Thaurböck neue Biere. Verkostet, bespricht, vergleicht und kombiniert. Und hier verkosten ihre Gäste dann auch den kühlen Gerstensaft. Denn auch eine Bier.Kult!Tour kann nicht von Theorie alleine leben.

Freistädter, Hofstettner und Schläg am Zapfhahn

Maibaumaufstellen an der Grenze

Zwischen dem österreichischen Waldviertel und dem tschechischen Südböhmen herrscht vor allem der kleine Grenzverkehr. Viele Radfahrer zieht es hierher und entlang der Thaya und in den Naturparks hüben wie drüben lässt es sich gut und entspannt Urlaub machen. Die Wirtshauskultur ist noch sehr ausgeprägt. Hatte sich zum Beispiel die Brauerei Karl Schwarz aus Zwettl nach dem Fall des Eisernen Vorhangs noch in der Iglauer Brauerei engagiert, deren Bier es damals auch noch in Wien gegeben hat, ist dieser Austausch längst vorbei. „Unser Bier ist in Tschechien gar nicht erhältlich“, sagt Rudolf Damberger von der Zwettler Brauerei und meint damit, dass es einen auf Preisunterschied basierenden Biereinkaufstourismus im Waldviertel gar nicht gibt. Die Fahrradtouristen sind aber schon sehr neugierig, welches Bier sie auf der anderen Seite der Grenze erfrischen kann. 

Einmal im Jahr gibt es an der Grenze zwischen Schaditz und Hluboka das Aufstellen des Grenzmaibaumes. Die Tschechen bringen Pilsner Urquell mit und die Österreicher bringen ihren Nachbarn eine Kiste Zwettler Bier zum Maibaum. Gemeinsam wird dann gefeiert und genossen. Denn Biergenuss ist grenzenlos.

Gemeinsames, grenzübergreifendes Biertrinken

Der Artikel „Grenzenloser Biergenuss“ erschien in der Ausgabe 10 des 1515 Craft Bier Magazin.

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Micky Klemsch

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