Craft Beer First! Die US-Szene aus erster Hand

Seit wenigen Monaten ist die Wienerin Manuela Rustler in Camp Hill, Pennsylvania, für die Evergrain Brewing Company als Braumeisterin tätig. Für uns wird sie ab jetzt über die dortige Szene berichten.

Craft-Bier – in Amerika ist das mehr als eine kleine Community von bierbegeisterten Leuten, die sich ab und zu auf Bierfesten oder in Bierlokalen treffen und die weiter steigende Anzahl von handgefertigten Bieren kosten und vergleichen. In den USA ist das eine richtig große und absolut anerkannte Sache, und das schon seit vielen Jahren. Da ist der Amerikaner auch durchaus gewillt, ein paar Dollar mehr zu bezahlen für ein richtig gutes Bier.

Leichtbiere – historisch bedingt
Angesichts der Prohibition von 1920 bis 1933 die es in diesem Land über lange Zeit unmöglich machte, auf legalem Weg Bier zu brauen, ist es auch nicht verwunderlich, dass die Bierkultur einen völlig anderen Weg einschlug als in Mitteleuropa.

Nach der Aufhebung des Verbots 1933 (das sogenannte Twenty-first Amendment, ein Zusatzartikel in der Verfassung der Vereinigten Staaten) war es zwar wieder erlaubt, Bier herzustellen, jedoch gab es viel zu wenig Rohstoffe, um dies auf die Schnelle wieder im großen Stil zu betreiben. Die Getreidebauern hatten sich mittlerweile auf andere Sorten spezialisiert, da es ja keine Nachfrage nach Braugerste gab. Das Resultat dieses Engpasses kann man heute in jedem amerikanischen Supermarkt finden. Es spiegelt sich in den nicht sehr geschmacksintensiven amerikanischen Bieren wie Miller, Bud oder Coors wider. Verständlich aber, wenn man sich überlegt, dass nach dem Ende der Prohibition die Gesellschaft wieder Bier trinken wollte. Aufgrund der Rohstoffsituation war allerdings anfangs nur eine leichte und nicht sehr geschmacksintensive Variante möglich. Und daran haben sich die Leute dann wohl gewöhnt, denn dieser Bierstil ist nach wie vor der weit verbreitetste in den USA.

Manuela Rustler im Hopfengarten der Evergrain Brewing Company

Das von 1920 bis 1933 gültige Verbot der Alkoholherstellung in den USA hatte aus heutiger Sicht für den interessierten Biertrinker allerdings ein großes Potenzial: Es war der Beginn des Hausbrauens in Amerika. Speakeasy nannten sich diese (illegalen) kleinen Lokale, die eigentlich die absoluten Urväter der Craft-Bier-Szene darstellen.

Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele Bierliebhaber, die noch heute hobbymäßig zuhause im Garten oder in der Küche Bier brauen. Meist für den eigenen Bedarf, oft aber auch, um an einem der unzähligen Heimbrauerwettbewerbe teilzunehmen. Und genau daraus entwickelte sich die Craft-Bier-Szene, wie wir sie heute kennen. Mit vielen unglaublich innovativen Biersorten: Es gibt mittlerweile so gut wie alle Bierstile zu finden, nicht wie oft vermutet nur das klassische Amerikanische IPA – wobei es auch hier etliche Abwandlungen gibt: Ein IPA ist hier nicht gleich ein IPA. Von Bieren und Ales, die mit Früchten versetzt werden, über sämtliche deutsche und österreichische Bierstile bis hin zu belgisch angehauchten Sauerbieren, die in Holzfässern gereift werden. Interessant ist auch der Zeitbegriff wenn es um „alte“ Brauereien geht. Also eine 1989 gegründete Brauerei ist in den USA schon so alt, dass sie das Gründungsdatum mit Stolz aufs Etikett schreibt.

Brewpub als Herzstück
Die Craft-Bier-Brauereien in Amerika sind allemal einen Besuch wert. Meist sind es sogenannte Brewpubs, die Brauerei ist also gleich in das Lokal integriert. Es gibt eine Bar und meist auch etwas Kulinarisches zu finden. Untertags kann man den Brauern oft bei der Arbeit zusehen, die Barkeeper sind selbst meist Bierenthusiasten und gerne bereit, über die Biere und die Brauerei Auskunft zu geben oder – wenn es die Zeit zulässt – einfach ein bisschen mit den Gästen zu plaudern. Überhaupt ist die Stimmung in den Brewpubs ausgezeichnet und es ist fast unmöglich, nicht mit jemanden ins Gespräch zu kommen. Wenn man sich dann als deutschsprachig outet, erfährt man nur allzu oft sofort die Wurzeln des biertrinkenden Gegenübers, da diese ja fast alle ihre Vorfahren in Europa hatten oder noch immer haben. Darauf sind sie auch stolz.

Was auch noch unbedingt hervorzuheben ist, ist der große Anteil an weiblichen Craft-Bier-Fans in Amerika. Auch ich bin stets dabei, meine angeblich-nicht-Bier-trinkenden Freundinnen davon zu überzeugen, dass es auch Bier gibt, das ihnen schmeckt, und in vielen Fällen war ich erfolgreich. Dies ist in den USA gar nicht nötig, da sehr viele Mädels von vornherein an Bier interessiert sind. Ein großartiges Craft-Bier-Land also, dieses Amerika!

Von der Brauerei ins Glas in der Evergrain Brewing Company

Austria meets Pennsylvania
Da mich die amerikanische Craft-Bier-Szene alleine durch meine Reisen so faszinierte, war ich auf der Suche nach einer Stelle in den USA, die ich schließlich auch fand, in Pennsylvania. Und so bin ich nun nach meiner Station als zweite Braumeisterin im Mühlviertler Hofstetten seit Juni Braumeisterin in der Evergrain Brewing Company in Camp Hill, einer netten kleinen Stadt nahe der Hauptstadt Harrisburg. Die Brauerei wurde erst vor zwei Jahren eröffnet, produzierte im Jahr 2017 etwa 2000 hl und ist momentan stark am Expandieren. Wir brauen neben verschiedenen IPAs und Pale Ales auch typisch deutsche Biere wie Helles, Pils und Weißbier, aber auch holzfassgereifte Biere in Whiskey-, Chardonnay- und Rotweinfässern. Evergrain ist ein modernes und gemütliches Brewpub, in dem es neben Bier und anderen Getränken auch Speisen gibt – seit Neuestem steht auch Wiener Schnitzel auf der Karte.

Einige der aktuellen Kreationen von Manuela Rustler

Manuela Rustler ist mit Stiegl und Trumer in Salzburg aufgewachsen. Studium „Wirtschafts-ingenieurwesen – Technische Chemie“. Danach Prozessingenieurin und Leiterin einer Produktionsabteilung in einer OMV-Raffinierie. Hobbys: Bierverkosten, Hobbybrauen und Golf. Nach zehn Jahren Ölbusiness Wechsel nach Shangai. Sprache lernen und danach als Brauerin bei Boxing Cat (China/USA) unter Braumeister Michael Jordan. Weitere Stationen: Eiswerk München der Paulaner Brauerei (D), Doemens Braumeister Akademie (D), Diplom-Biersommelier-Ausbildung München/Obertrum, Brauerei Hofstetten (A), Evergrain Brewing 
Company (USA).

Weiterführendes: Craft-Bier in den USA
Kalifornien liegt mit 764 Craft-Bier-Brauereien im Jahr 2017 auf Platz eins. Die meisten Brauereien pro Einwohner findet man dagegen hoch im Norden in Vermont, mit 11,5 Brauereien pro 100.000 Einwohnern über 21 Jahre (in den USA ist Alkoholkonsum erst ab 21 erlaubt).

In den gesamten USA existieren übrigens momentan über 6.000 Craft-Bier-Brauereien sowie über 100 industrielle Brauereien. Es muss dabei unbedingt angemerkt werden, dass es laut amerikanischer Definition in Österreich ausschließlich Craft-Bier-Brauereien gibt. Erst ab einem Jahresausstoß von über 9,5 Mio. Hektolitern gilt nämlich eine Brauerei in den USA als „groß“. Diese Zahl entspricht in etwa dem gesamten Jahresausstoß aller Brauereien Österreichs zusammen – brewersassociation.org

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Manuela Rustler

One Comment

  1. Schöner Artikel, jedoch kann ich die Aussage über die mangelnde Biervielfalt in den US-amerikanischen Supermärkten jedenfalls nicht teilen. Das Angebot an lokalen Craft Bieren in den Supermärkten ist unüberschaubar groß. Die den Europäern bekannten Marken Bud, Coors udgl. sind zwar auch in jedem Supermarkt zu finden und für diese wird jedenfalls am meisten Werbung gemacht, jedoch kann man das Angebot jedenfalls nicht auf diese beschränken. Auch geschmacklich kann ich dem nicht zustimmen, denn ein Bud (regular) schmeckt auch nicht anders geschmacklos als ein Puntigamer bei uns. Was ich in meinen monatelangen Aufenthalten und Reisen in den verschiedensten Bundesstaaten als Beerlover gesehen und geschmeckt habe, war unübertroffen.

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