Bier: Eine Frauensache

Bier. Ein Getränk für Männer. Gebraut von Männern – klingt plausibel. Ist aber falsch.

Ein Artikel aus dem 1515 Craft Bier Magazin / Ausgabe 1-2015

Brauen war eine Haushaltstätigkeit wie Kochen oder Backen. Und Haushaltstätigkeiten fielen in den Aufgabenbereich der Frau. Vor allem Zuhause wurde Bier gemacht – für den Ehemann oder die Nachbarinnen, die dann auf frisch Gebrautes und Selbstgebackenes vorbeikamen, quasi das Vorläufermodell des späteren Kaffeekränzchens. Doch nicht nur in den eigenen vier Wänden wurde gebraut, ebenso gab es eigene Brauhäuser. Auch hier lag die Braukunst ausschließlich in Frauenhänden. Die Brauerei, ob nun Zuhause oder im Wirtshaus, war Frauensache.

Was früher war, …

Auch hinter Klostermauern fand das Gebräu nicht zwingend nur als Durstlöscher großen Anklang. Gott verschrieben und bierverliebt brauten Frauen das goldene Hopfengetränk. Eine Benediktinerin unter ihnen war schon damals überzeugt: „Wenn einer Durst hat, trinke er Bier, aber kein Wasser, denn Wasser hat keine Kraft.“ Hildegard von Bingen, Ärztin und Naturforscherin, verstand viel von ihrem Handwerk – und auch von Bier.

So lässt sich nachlesen, dass die persönliche Biergeschichte Katharina von Boras, Martin Luthers Ehefrau, auch in einem Kloster begann. Dort hat sie das Brauen gelernt. Mit Begeisterung trank Martin ihr Bier. War er auf Reisen, schickte ihm Katharina ihr Selbstgebrautes sogar hinterher. Und noch eine Frau kommt oft in der Brauereigeschichte vor, denn auch sie verbindet etwas Besonderes damit. Clara Oefele machte Bier, weil ihr Mann einer Bierbrauerfamilie entstammte. Eines Tages wurde Clara attackiert, sie konnte sich wehren und ermordete ihren Angreifer. Nun nicht mehr sicher, floh sie, kehrte aber als „Cousin“ ihres Mannes verkleidet zurück. So konnte sie in der Brauerei weiterhin helfen. Ihre Rolle verkörperte sie derart gut, dass Clara in den Krieg eingezogen wurde. Beinahe 20 Jahre später kam sie zurück. Die Brauerei, weitergeführt von ihren Kindern, bestand immer noch – und das bis Mitte des 19. Jahrhunderts.

… ist auch heute so. Nur viel seltener.

Vor zwei Jahren brachte Anna Heller aus Köln ihr eigenes Bier auf den Markt. „Das Altbier war ein lang gehegter Wunsch von mir.“ Um ihr eigenes Bier im großen Stil brauen zu können, brauchte Anna schon immer Durchsetzungsvermögen. „Vielleicht kam bei mir auch noch erschwerend hinzu, dass ich ja die Tochter des Chefs war. Da wollten die Jungs natürlich erst einmal schauen, was ich so kann.“ Bei ihrem Vater in Ausbildung zu gehen, war eigentlich Plan B. Zwar half Anna schon früh in der Brauerei der Eltern aus, ursprünglich wollte sie allerdings Rechtsmedizinerin werden. Die Noten dafür waren zu schlecht und so begann sie in der „Brauerei Hellers“. 25 Jahre war sie, als sie die Brauerei übernahm und damit in Deutschland auch die jüngste Chefin dieser Branche. Beim Brauen wird vor allem auf Sauberkeit und Qualität geachtet – „Sorgfalt ist wichtig, nur so kann ich meinen Kunden immer ein hochwertiges Produkt anbieten.“ Im Übrigen ist jedes Bier Bio. Nur entsprechend zertifizierte Rohstoffe dürfen hinein. Anna selbst braut mittlerweile nicht mehr, gerne würde sie aber mehr Mädchen als Auszubildende in ihrer Brauerei aufnehmen.

 

Ihre Ausbildung hat Anita Herzog hingegen schon abgeschlossen. Die Gründe für ihre Berufswahl klingen logisch: „Weil Bier mein absolutes Lieblingsgetränk war und ist.“ Biersommeliere lautet ihre Berufsbezeichnung, was von der Ausbildung zur Bierbrauerin unterschieden werden muss, wie Anita erklärt. Im steirischen Wundschuh betreibt sie das „Hofbräu Herzog“. Anita gehört zu den glücklichen Menschen, die ihr Hobby zum Beruf machen konnten. Gefahr aber, dass sie einmal genug hat von „Hopfen und Malz“-Getränken, läuft sie nicht. „Mit voller Freude und Liebe“ braue sie schließlich Bier. Als schlank, knackig und süffig, als kreativ und experimentierfreudig bezeichnet Anita ihren eigenen Braustil. „Für mich ist es ganz wichtig, nur die besten Rohstoffe zu verwenden.“ Ausschließlich feinste Aromahopfensorten kommen ihr in den Braukessel. Zeit müsse man sich auch nehmen – eine Voraussetzung für qualitativ hochwertiges Bier, sagt Anita. Bitterhopfen verwendet sie nicht und süße, pappige Biere mag sie nicht, dafür „Herzlich Herbe“ wie ein Pils oder Stout umso lieber. Ihr eigenes Bier – immerhin gibt es davon bisher beachtliche 47 Sorten – trinkt sie sowieso ganz gerne.

 

Nicht unweit von Wundschuh und dem „Hofbräu Herzog“ liegt Kalsdorf bei Graz. Hier lernte Elfriede Forstner von ihrem Mann Gerhard das Brauen. Viele Preise hat er mit seinem Bier gewonnen. Die „Handbrauerei Forstner“ wurde so zu einer Größe in der Craftbeer – Szene. Irgendwann standen sie dann zu zweit am Braukessel, auch Elfi begann Bier zu machen. Dabei entstanden „Ihres“ und „Seines“. Die Bierbrauerin meint dazu, „wenn man so will, könnte man sagen, Gerhards Bier war männlich. Es war sehr trocken und mit grober Kohlensäure und etwas stärker gehopft. Meines, also „Ihres“ war mit sehr feiner Kohlensäure, mit Rosenblättern, Anis und schwach gehopft – also sagen wir, es war weiblich.“ Vor einigen Monaten ist Gerhard Forstner verstorben, weshalb Elfi die Brauerei übernommen hat. Als „experimentierfreudig und kreativ“ beschreibt auch sie den eigenen Braustil. „Wichtig ist die Liebe und das Herz und vor allem das Bauchgefühl“ beim Brauen. Mit Freude müsse man ins Sudhaus gehen und den Braukessel einschalten. Wie auch schon ihr Mann zuvor, will Elfriede Forstner Preise gewinnen, damit auch sie einschätzen kann, wie gut es ist, das eigen kreierte und gebraute Bier.

 

Was ist nun die Moral von der G’schicht? Frauen und Bier verbindet viel – lange vor unserer Zeit und auch heute noch. Bier ist genauso Getränk für Frauen. Genauso gebraut von Frauen – klingt plausibel. Ist es auch. Punkt.

Dieser Artikel ist 2015 im 1515 Craft Bier Magazin erschienen und anlässlich des Weltfrauentags 2018 hier noch einmal publiziert worden.

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Micky Klemsch

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